Was, ein Krankenhaus?
Sebastian liegt in einem kahlen, weiß-gelblichen Zimmer. Es gibt ein kleines Fenster, das man aufmachen kann, um den Anschein zu erwecken, dass Luft hereinkommen würde. Das Wetter ist richtig sonnig und sehr warm. Man kann wirklich schon sehen, wie die Luft Hitzewellen absondert, wie bei einem Grill oder einem Backofen, den man gerade öffnet. Das kaltweiße Neonröhrenlicht lässt seine Haut sehr blass wirken. Seine Lippen sind komplett ausgetrocknet, und er hat ein Nachthemd an. Neben seinem Bett steht ein Infusionsgestell mit vielen Flüssigkeitsbehältern dran. Von überall führen Kabel zu Sebastians Körper.
Neben ihm steht ein Stuhl mit einer sitzenden Person. Ihre lockigen Haare haben einen schönen, herbstlichen Orangeton. Sie trägt eine elegante, unauffällige Brille, die ihre Sommersprossen auf den Wangen richtig zur Geltung bringt. Ihre unauffällige Bluse, die komplett zerknittert ist, passt zu ihrem Gesichtsausdruck, der nach wenig Schlaf und viel Verzweiflung aussieht. Zu der Bluse hat sie eine schlichte Jeanshose an und ganz typische Alltagsschuhe, die sogar schon als Sportschuhe durchgehen könnten. Sie schaut ganz gespannt auf Sebastian runter, als wäre sie in seinem Kopf und würde mit ihm reden.
Die Krankenschwester geht nach der üblichen Visite aus dem Zimmer, und die Frau nimmt Sebastians Hand.
Und da war es, ein nicht erwartetes Wunder, eine glückliche Gegebenheit, oder wie man es auch noch nennen möchte. Die Hand von Sebastian drückt leicht die Hand der Frau. Die Monitore zeigen andere Linien an, und eine Schwester rennt völlig außer Atem in das Zimmer. Nach Luft schnappend fragt sie: „Ist etwas passiert?"
Die Frau daraufhin: „Ich glaube, er hat nach meiner Hand gegriffen."
Und nach diesem Satz öffnen sich Sebastians Augen. Er schaut mit sehr zusammengekniffenen Augen in den Raum, was natürlich kein Wunder ist bei diesem Licht. Und nach einem kleinen Moment öffnet er seine Augen vollständig. Mit fragendem Blick schaut er die zwei Frauen an und sagt:
„Was ist passiert? Wo bin ich? Und vor allem, wer seid ihr?"
Die orangehaarige Frau erwidert daraufhin: „Wir sind im Krankenhaus, Schatz. Die Ärzte haben mich angerufen, da ich als Notfallkontakt und als deine Frau im System hinterlegt bin. Leider wissen wir noch nicht, wie du hier gelandet bist, aber ich bin froh, dass du wieder bei mir bist."
Sebastian schaut zur orangehaarigen Frau zu seiner rechten Seite, dann zu der linksseitigen Krankenschwester, die nur nickend die Aussagen bestätigt.
„Aber du hattest doch braune Haare?", fragt Sebastian die rechte Frau, seine Frau, verwirrt.
Die Frau erwidert: „Ja, Schatz, aber ich habe mir die braunen Haare doch immer gefärbt, da du gesagt hast, dass das als Repräsentantin der Firma vielleicht besser passen könnte."
„Stimmt, das habe ich glaube ich mal gesagt. Aber warum hast du sie jetzt nicht mehr gefärbt, Samantha?"
„Samantha? Ich bin doch Cassandra. Wieso verwechselst du mich mit deiner Sekretärin? Und das immer noch, nach all den Jahren. Wenn ich nur einen Euro für jedes Mal bekommen würde, dann wäre ich reich und du arm, Schatz."
„Entschuldige, Cassandra, ich wollte dich nicht mit falschem Namen ansprechen."
„Ist schon gut, Schatz. Du machst das ja nicht mit Absicht, und das weiß ich ja. Aber andere Frage: kannst du dich noch daran erinnern, was vor dem Losfahren passiert ist?"
In diesem Moment sitzt Sebastian da und überlegt. Man sieht richtig, wie er versucht, diese Information aufzurufen, aber er scheint sie einfach nicht zu finden. Man sieht, dass es ihn fast zum Verzweifeln bringt, und er hat, obwohl er die Geschichte nicht benennen kann, Tränen in den Augen und zeigt eine gewisse Traurigkeit.
„Es tut mir leid, Schatz, ich kann es dir wirklich nicht sagen. Ich weiß, dass es etwas Wichtiges war, das ich eigentlich klären müsste, aber es ist, als wäre es ein Ordner, in dem einfach die Datei dafür fehlt."
„Okay, ist doch erstmal egal. Wichtig ist, dass du wieder wach bist und gesund wirst. Ich möchte mit dir so schnell wie möglich nach Hause in deine sichere Wohlfühlumgebung gehen."
Sebastian schaut erleichtert, aber dennoch bedrückt, und reagiert darauf: „Das wünsche ich mir auch, aber was ist mit der Firma? Was ist mit dem Projekt … mit dem Projekt … ich komme gerade nicht auf den Namen. Wie kann ich nicht auf den Projektnamen kommen, an dem ich mehr als ein Jahrzehnt arbeite?"
Die Krankenschwester legt ihre Hand auf die Schulter von Sebastian und sagt: „Das ist gar nicht so selten, wie Sie denken. Retrograde Amnesie nennt sich das. Das Gehirn hat verschiedene Erinnerungen noch nicht richtig abspeichern können, weshalb diese Erinnerungen noch für den vollen Zugriff weiter verarbeitet werden müssen. Leider kann dabei aber auch nur Zeit helfen. Andere Sachen funktionieren dabei leider nicht."
„Okay. Steht denn eigentlich schon fest, wann ich wieder nach Hause zu Cassandra gehen kann?", fragt Sebastian mit Hoffnung in seinen Augen.
„Der Chefarzt muss sich nochmal alle Werte anschauen, ein paar Tests machen, und dann sollten Sie eigentlich bis morgen wieder nach Hause können."
„Da bin ich aber erleichtert. Wie lange war ich eigentlich weg?" Sebastian ist selbst überrascht, dass er erst jetzt diese essenzielle Frage gestellt hat.
„Sie waren um die –" In diesem Moment springt Cassandra der Krankenschwester ins Wort: „Es war ca. ein Monat. In der Zeit habe ich die Firma komplett geführt und die Aufgaben an unseren fähigsten Mitarbeiter weitergegeben, damit ich so lange und so oft wie möglich bei dir sein konnte."
„Danke, Cassandra. Das beruhigt mich sehr."
Man sah Sebastian genau an, dass er diese Aussage irgendwie nicht zu hundert Prozent wahrhaben wollte. Irgendwie fand er alles so komisch, aber er dachte sich, dass seine Frau auch eine führende Person in seinem Gewerbe ist und mit ihm zusammen studiert hat. Auch das Wetter hatte gepasst. Es war ein sehr kalter Herbsttag, kaum noch Blätter an den Bäumen und kaum Vögel, die ein Lied von sich gaben.
Sebastian machte alle weiteren Untersuchungen mit, und es schien laut Ärzten alles in Ordnung zu sein. Aus diesem Grund legte er sich in diesem unbequemen Bett mit der kratzigen, sterilen Decke, diesem komischen Krankenhemd und dem fast füllungslosen Kissen schlafen und hoffte, dass es morgen alles besser sein würde als heute.