Kapitel 3 von 17

Handelsanalyse und Pferdekutschen?

Das wäre doch langweilig, wenn Sebastian jetzt einfach heimfahren würde und dann normal weiterleben würde, oder? Doch leider spielt das Leben meistens nicht so mit, wie man es möchte. Es wird immer ein Ass mehr haben als der Spieler.

Sebastian wacht in einem rustikalen Altbau auf. Die Fenster sehen richtig alt und handgemacht aus. Als Decke hat er ein Tierfell über sich. Sein Kopfkissen besteht aus Stroh in einem Stofffetzen, welcher nicht gerade neu aussah. Draußen hört man viel Gerede, ein paar Marktschreier und Pferde. Die massive Holztür hat ein richtig massives Eisenschloss mit einem riesigen Schlüssel auf der Innenseite. Auf dem kleinen runden Tisch aus Eiche oder sogar Walnussholz liegt eine schöne altertümliche Lederkluft und eine richtig edle Kluft aus Seide, bunten Stoffen und vielen Details. Sebastian setzt sich an die Bettkante und fragt: „Wo ist denn eigentlich …" Er konnte noch nicht mal seinen Satz beenden, da stolperte er über eine kleine, zierliche Dame. Sie war ca. 150 cm groß, hatte kastanienbraune, lange Haare und Flügel.

Sebastian richtet sich auf, hält sich den Kopf und sagt zu der jungen Frau: „Och, Charlie. Wie oft habe ich dir gesagt, dass das zweite Bett nicht nur Deko ist? Das ist zum Daraufschlafen. Und bitte zieh dir doch nicht immer auch noch die Unterwäsche aus!" Ihr hättet echt sehen müssen, wie rot und verschämt sich Sebastian dabei anstellt. Das ist einfach perfekt. Wer möchte denn nicht von einem Vogelmensch neben dem Bett geweckt werden, der dann auch noch nichts an hat? Aber genug davon! Weiter geht's. Der kleine Vogelmensch sprach daraufhin mit verschlafener und unschuldiger Stimme zu Sebastian: „Ach, Sebastian. Wo ist da das Problem? Mein Volk läuft normalerweise immer ohne Kleidung herum. Die stört nur beim Fliegen. Außerdem sind wir doch gleichalt." „Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass es gesellschaftlich einfach normal ist, vor einer Person, die man nicht liebt oder der man nicht anders verbunden ist, seinen nackten Körper zu zeigen. Ist aber auch egal, Charlie, wir haben heute noch einiges zu tun. Zieh dich also an und komm runter in die Taverne."

Man konnte sehen, dass Sebastian vor Spaß sie fast necken wollte. Spaß beiseite — er schaut mir noch viel zu fragend. Ich glaube, ich sollte hier nochmal ein bisschen nacharbeiten. Aber the show must go on, oder nicht, meine vor Verwirrung strauchelnden Leser?

„Da bist du ja endlich. Ich habe echt lange auf dich warten müssen. Du weißt doch, wir müssen heute den Markt analysieren und unsere Waren vom Wagen tauschen und verkaufen. Außerdem muss das kleine, teure Vögelchen seine Kosten wieder begleichen. Ich kann hier ja auch nicht umsonst mit diesem Vogel reisen. Und das Essen und die Kleidung, die du von mir geklaut hast, müssen auch bezahlt werden."

„Jaja, jetzt beruhig dich mal wieder, Sebastian. Mir hat da ein Vögelchen einen heißen Tipp für den Markt und einen sehr guten Gewinn zugezwitschert."

Da flogen meine Kleinen weiter auf den Markt. Hoffentlich fliegen sie nicht dem König auf die Füße. Hast du etwa eine Pointe erwartet? Das würde dir so passen.

Sie liefen auf einen riesigen Platz. Überall sah man reisende Händler, Schmiede, Schreiner, Gewürzhändler und was das Herz sich nur wünschen könnte. In der Mitte dieses Platzes befand sich ein riesiger Stand, welcher in der Mitte ein großes Viereck mit vielen Tafeln stehen hatte.

„Hier, Sebastian — siehst du, das sind deine Rüstungen gerade wert."

„Oh, das ist genau wie ich es gesagt habe. Durch den Kampf gegen das große Goblinlager haben wir hier eine große Nachfrage von den Abenteurern. Jetzt müssen wir nur schauen, was wir hier günstig einkaufen und im nächsten Dorf auf unserer Reise wieder teurer verkaufen können."

Sebastian schaute sich die Tafeln an und wirkte, als ob er genau erkennen könnte, welche Werte demnächst steigen oder fallen würden. Er stand einfach da und tat nichts anderes als auf die Tafeln zu schauen.

„Oh, schau mal hier — Kupferkessel, Silizium und Eisenerz sind wirklich sehr rentabel. Die können wir egal in welchem Dorf sehr gut verkaufen und haben mindestens fünf Kupfer pro Stück Gewinn. Mit unseren Rüstungen dürften wir ca. 50 Silber bekommen. 50 Silber sind 500 Kupfer oder fünf Gold. Meine Ausgaben beliefen sich auf ca. 40 Gold. Da ging mein ganzes Erspartes rein. Ach, hätte ich jetzt gerne einen Taschenrechner."

Charlie schaute total irritiert: „Was ist denn ein Taschenrechner? Ist das ein Gericht?"

Wenn Charlie nur wüsste. Manche beißen sich an Mathematik schon ein paar Zähne aus.

Sebastian schaute irritiert, und man sah wieder, dass er innerlich am Verzweifeln war. Da war etwas, was er nicht erreichen konnte. Wie eine juckende Stelle zwischen den Schulterblättern — kaum erreichbar, aber super nervig, wenn es da mal juckt. Da kann man verrückt werden wie ein schachspielender Informatiker.

„Ich kann es dir leider nicht sagen, Charlie. Ich weiß es irgendwie selbst nicht. Ich weiß nur, dass ich mir jetzt einen wünschen würde, obwohl ich nicht weiß, was das ist."

Nach dieser Aussage steht Sebastian fast 15 Minuten regungslos da und ist kaum ansprechbar. Beim Anstupsen von Charlie kommt immer nur ein „Okay", „Ja, machen wir", „Einen Moment" oder auch nur ein wortloses Brummen mit einem Nicken. Das frustrierte Charlie, und sie legt ihre Arme um Sebastians Hals. „Wie lange brauchen wir noch? Können wir weiter? Hast du's bald?"

Irgendwann hatte Charlie die Schnauze voll. Sie nimmt Sebastian unter den Armen und fliegt mit ihm nach oben. Erst nachdem sie ihn behutsam auf einem Dach absetzt, kommt er wieder zu sich.

„Ist was passiert? Warum bin ich auf einem Dach?"

Charlie holte Luft und stockte kurz. Ihre Flügel hatten von jetzt auf gleich einen leichten Goldschimmer, der vorher noch nicht zu sehen war.

„Du hast mich doch gebeten, dich hier aufs Dach zu fliegen, damit du einen besseren Überblick über die lokalen Händler bekommst, um den aufzusuchen, bei dem man am meisten Gewinn rausschlagen kann."

„Oh, habe ich das? Tut mir leid, ich scheine wohl kurz in meinen Gedanken verloren gegangen zu sein."

„Ja, scheint wirklich so. Aber hast du schon einen Laden im Auge, der dir zusagt?"

„Der kleine lokale Händler da vorne gehört keiner Gilde an. Bei ihm kommen also keine Gildengebühren auf die Waren. Da könnte man vielleicht gut einkaufen. Gegenüber befindet sich eine Zwergenschmiede. Bei Zwergen kann man meistens sehr günstig Erze und Rohmaterialien kaufen. Vielleicht bekomme ich bei ihm auch das Material, das ich aus den Kupfertöpfen selbst herstellen wollte, sehr günstig. Und da Zwerge sehr gut und schnell in ihrem Handwerk sind, werden die Preise eher niedrig sein."

Charlie bekam ganz große Augen und schaute mich nur fragend an: „Woher weißt du das alles immer wieder?"

Sebastian schaute wieder so, als müsste er etwas abrufen, und erhielt immer nur den Fehler 404.

„Ehrlich gesagt kann ich es nicht erklären. Ich weiß es einfach. Vielleicht Intuition, oder einfach ein sehr gutes Gedächtnis."

Naja, so wenig wie Sebastian nicht mehr zu wissen scheint, glaube ich als Beobachter eher Ersteres. Sebastian machte sich also auf zum kleinen Schmied. Er stand vor der Schmiede und hörte das Knistern der heißen Kohlen im Schmiedeofen. Das Ambiente des zischenden Wassers und der Geruch von warmem Eisen sorgten dafür, dass man das Gefühl hatte, dieser Handwerker versteht sein Handwerk. Aber eins stimmt an dieser Aussage nicht — es ist kein Mensch, der hier arbeitet. Sebastian streckt sich über die Theke und sieht einen Goblin mit Lederschürze und Schutzbrille. Er trägt auch einen Werkzeuggürtel mit Hämmern, Zangen und vielen weiteren Werkzeugen. In der einen Hand hält er einen kleineren Hammer als den, der an seinem Gürtel hängt. In der anderen Hand hält er ein Schwert. Ich glaube, das Schwert ist aus Adamantit gefertigt — ein Material, welches sehr schwer zu bekommen ist und noch schwieriger zu bearbeiten. Er sah aus dem Augenwinkel zu mir rüber.

„Ich bin gleich bei dir, mein Jüngchen."

Sebastian schaute fast beleidigt und erwiderte: „Machen Sie sich wegen mir keinen extra Stress. Ich schaue mich grundsätzlich erstmal ein bisschen um, bis Sie so weit sind."

„Das hört man doch gerne, Jüngchen — so denken nicht mehr viele in diesen Zeiten." Auf einmal schreit der Goblin: „Hey, Grobian! Du sollst immer genau da hinschlagen, wo ich hingeschlagen habe, nicht daneben. Sonst versaust du noch das Schwert. Es ist so schwer heutzutage, gute Leute zu finden."

In dem Moment sah Sebastian einen Zuschläger mit einem großen Hammer. Er wirkte sehr jung — schätzungsweise maximal 18 Jahre alt. Er entschuldigte sich bei dem Goblin und arbeitete viel konzentrierter als vorher. Sebastian war überrascht, dass es ein Mensch war. Auch Goblins, die ein Handwerk ausüben, sind heutzutage sehr schwer zu finden. Die meisten sind dann wirklich keine guten Handwerker, aber wenn er einen Lehrling hat, muss er eigentlich ein sehr guter Schmied sein. Der Goblin steckte das Schwert zum Abschrecken ins kalte Wasser. Es zischte und gab kleine Laute von sich, die einem Aufprall auf Metall sehr nahe kamen. Sebastian schaute bei dem Geräusch komplett erschrocken auf das Schwert und stand wie eingefroren da. Der Goblin suchte das Gespräch mit Sebastian, doch Sebastian reagierte nicht. Stupsen wir Sebastian mal in seinen Gedanken an — vielleicht reagiert er dann wieder. Ah, da ist er ja wieder.

„Und ich dachte schon, du wärst im Stehen eingeschlafen, Jüngchen. Ich bin Goli, der Schmiedemeister dieses Dorfes. Eigentlich haben alle Schmiede dieser Stadt bei mir gelernt — natürlich außer die, die nicht hier geboren wurden. Wie kann ich dir weiterhelfen?"

„Ich bin Sebastian, fahrender Händler meiner eigenen Handelsgilde — vielleicht hast du von ihr schon mal gehört. Hermes, der fliegende Bote. Ich suche nach mehreren Materialien. Haben Sie Kupferkessel und Silizium, oder auch vielleicht Exemplare Ihrer Schmiedekunst bezüglich der Kupferarbeiten?"

„Natürlich. Ich habe auch viele Stücke von meinen aktuellen Lehrlingen. Die Kupferexemplare müssten hinten im Regal sein — das dritte Fach von unten. Schau dich einfach mal um. Aber bezüglich dem Silizium haben wir eine sehr große Nachfrage. Da muss man leider etwas über den aktuellen Marktpreis handeln, damit man überhaupt noch Silizium bekommt."

Auch wenn Sebastian wusste, dass er das Material noch gut runterhandeln konnte, ist ihm das Handwerk und das filigrane Arbeiten des Lehrlings wichtiger als der Preis. Ich könnte ihm ja sagen, warum er so hartnäckig auf Kupfer besteht. Aber dann wäre das hier keine sehr interessante Geschichte, oder?

„Passt das auch für dich, Charlie?", fragte Sebastian Charlie, die begeistert die Stücke des Lehrlings betrachtete.

„Entschuldige, ich war gerade in Gedanken — was passt mir?"

„Dir gefällt die Halskette, oder, Charlie?" Charlie schaute ihn noch verwirrter an als zuvor.

„Nein, Sebastian, das ist es wirklich nicht. Ich habe gerade einfach nicht aufgepasst."

„Machst du mir einen guten Preis für die Kette, Goli?", rief Sebastian laut und frech nach hinten.

„Ach, Jüngchen, nimm sie mit — das war nur eine Übung für mich, um mein Handwerk nicht zu verlernen. Deiner Gefährtin wird sie sicherlich gut stehen. Aber dafür musst du jetzt öfter bei mir kaufen als das eine Mal, klar, Jüngchen!"

„Das sollten wir hinbekommen, oder, Charlie?"

„Ja, das bekommen wir sicherlich hin. Aber was war es denn, was ich verpasst habe?"

Sebastian lachte nur: „Ich habe nur gesagt, dass wir morgen gemeinsam mit dem Gespann vorbeikommen und die Waren einladen — mehr war es nicht. Ich mag es nur, dich bei sowas aufzuziehen."

„Du bist wirklich gemein, Sebastian."

So, wo waren wir? Ja genau. Sebastian geht wieder auf den Marktplatz zurück und ist nicht positiv überrascht, als er seinen Handelsrivalen am Handelsposten sieht.

„Wieso muss ich dich immer in den Städten sehen, wo ich meine Großhändler habe, Sebastian?"

Sebastian ist außer sich vor Wut, kann sich aber noch zusammenreißen: „Dinkelburg, ich würde mal behaupten, dass es eher andersrum ist. Du kommst immer dahin, wo große Handel abgeschlossen werden könnten. Aber das ist mir ziemlich egal. Ich habe meine Handelsware bezahlt und hole sie morgen bei meinem Schmied ab. Ich hoffe, dass wir uns also nicht mehr über die Füße laufen werden, Dinkelburg!"

„Die Hoffnung kann ich nur nachempfinden." Dinkelburg dreht sich wieder um und fängt an, richtig überheblich und arrogant zu lachen.

Sebastian hasst diesen Typen wirklich mit jeder Zelle seines Körpers.

Um runterzukommen, ging Sebastian mit Charlie in der Taverne essen und wusch sich danach noch auf seinem Zimmer.

„Charlie, wie oft muss ich dir noch sagen, dass der Eimer nur für den Lappen und nicht für deine Füße ist? Jetzt halt endlich still, damit ich deine Federn sauber machen kann."

Sebastian hasste es ungemein, wenn Charlie nicht stillhalten konnte.

„Ich habe dich wirklich sehr gern, Sebastian. Bitte bleib immer bei mir und folge mir auf jeden Schritt und Tritt."

Charlie lag Sebastian im Bett gegenüber und schaute ihn erwartungsvoll an.

Gespannt warten wir auf Sebastians Antwort — aber irgendwie lässt er sich sehr viel Zeit. Na los, antworte Charlie doch endlich. Der Leser und ich werden sonst noch alt.

„Ich werde mein Bestes versuchen, Charlie, aber ich hoffe, dass ich dir auch wirklich überall folgen kann."

Was für ein Spektakel, lieber Leser — wer hätte eine so emotionale Reaktion erwartet? Warte, war es ja nicht. Sebastian weiß echt, wie man mit Frauen umgeht, oder?

Nur leider war Sebastian so erschöpft vom Handel, dass er nach diesem emotionsgeladenen Satz einfach eingeschlafen ist.